„Erzwungene“ Landung in Minsk – Welche Rolle spielte Ryanair? – Update

Als Pilot, wenn auch privat in der Light Kategorie unterwegs, schreckte mich die Nachricht auf. Ein Kampfjet aus Belarus soll eine Ryanair Linienmaschine zur Landung in Minsk gezwungen haben, um einen Regierungskritiker aus dem Flugzeug zu holen, so die einschlägigen Medien. Das wäre schlichtweg eine Kriegerklärung und fällt schwer zu glauben. An dieser Stelle war es mir egal, was die Weltpresse zu vermelden hat – Ich will die Stelle hören, wo aus Minsk gesagt wird „Du landest in Minsk – sonst…“.

Während ich zaghaft in den Kommentarfunktionen von Tagesspiegel, Telepolis etc. versucht habe die Sinne mit Fakten zu schärfen, erging ein Shitstorm „Was ich denn machen würde, wenn ein Kampfjet neben mir wäre?“ – Mal Grüßen und mit den Flächen wackeln. „Mir wird dann wohl auch klar sein, das ich als Pilot gleich nach der Landung verhaftet werde, wenn ich mich den Anweisungen des Controllers widersetzen würde“.

Dann wäre ich schon zweimal verhaftet worden. Wenn der Controller dir eine Anweisung gibt, die du für unsinnig hältst, machst du, was du für richtig hältst und sagst es ihm. In der Pilotenausbildung wird das mit „Luftrecht“ und „Verhalten in besonderen Fällen“ bedient. Letzteres ist wohl einer der wichtigsten Kapitel – Was passiert, wenn das passiert, was niemals passieren sollte. Auch der Lufthansa Pilot Peter Heisenko bemüht sich in einem exzellenten Bericht um Aufklärung. Aber der Mainstream entscheidet was Sache ist, nicht die Fachleute.

Und da sind sie. Die Protokolle der Funksprüche. Auf einer Belorussischen Webseite – und somit automatisch unglaubwürdig und manipuliert. Dabei hätte der Pilot das Protokoll nur dementieren müssen. Das hat er bisher nicht. Es liest sich logisch und schlüssig, der Ton ist höflich und die Landung in Minsk wird mehrfach nur als Empfehlung übermittelt. So, wie die „freundlichen Polizisten“ vor deiner Tür, du solltest doch besser alle deine Wertsachen abgeben, zur Sicherheit. Das eigentliche Desaster: Wie kann ein so dummer Bauerntrick in der Luftfahrt funktionieren?

Der Pilot ist skeptisch, verhält sich völlig richtig und hinterfragt mehrfach den Hintergrund. Das wird raffiniert hinausgezögert. Tatsächlich hätte er noch 100 Meter vor der Landebahn durchstarten und seine Meinung ändern können. Nichts wäre passiert, wenn seine Skepsis gestiegen wäre. Missed Approach – Go Around – Sorry, Airline sagt mir geh nach Warschau. Die Maschine fliegt unter polnischer Flagge. Aus 13km Höhe wäre der Anflug dorthin unwesentlich länger gewesen. Aber Code Red schreibt das nächstliegende mögliche Ziel vor, die höchste Alarmstufe.

Ryanair hatte kein Telefon an Bord

Dramatische Szenen müssen sich im Flugzeug abgespielt haben. Sie werden mich töten, beschreibt die NZZ die Situation. Piloten sind aber nicht dazu da politische Situationen einzuschätzen. Er ignoriert die Hilferufe des Bloggers. Vielmehr befindet er sich selbst in einem Hilferuf ob der Situation, denn das Protokoll beschreibt, dass er seine Airline nicht erreichen kann. Und bei Code Red müsste Ryanair Chef O’Leary sofort an der Leitung sitzen. Welche Leitung?

Ich habe mir ein Satellitentelefon (ca. 2.000$) auf die Funkanlage geschaltet. Funktioniert prima, schreibt der Privatpilot Gunter H. auf Pilot & Flugzeug. Das geht immer und überall, und ist bei vielen Airlines Standard. Wenn nichts mehr geht, geht das. Bei Ryanair ist dieses Extra offensichtlich nicht an Bord. „Wenn eine Fluglinie den Funkkontakt verliert, benutzen sie die Satellitentelefone. Ryanair ist damit nicht ausgestattet, schreibt Dublin Live.

39 Minuten vergehen von der Bombenmitteilung bis zur Landung in Minsk. Ohne höhere Anweisung kann der Pilot bei Code Red nur die vorgeschriebenen Procedures befolgen. Und das hat er gut gemacht. Verzweifelt versucht er Wilna per Funk zu erreichen und fragt nach einem Relais in Minsk. Hier wird das Protokoll etwas diffus. Zweifelsfrei ist das größte Problem: Kommunikation.

Unter der recht skurrilen Situation hätte ich mir als Pilot gern den Segen von der Airline geholt, ob der Entscheidung. Das ging wohl nicht. O’Leary hätte dann jetzt die Verantwortung über den Blogger Protassevich, über dessen Schicksal das Pilotenhandbuch entschied. Und womöglich die mangelhafte Ausstattung einer Billigst-Airline.

Vor ca. 20 Jahren stürzte ein Airliner in den Pyrenäen in einen Waldhang. Viele Passagiere überlebten, erfroren jedoch dann, weil die Airline kein ELT (700$) an Bord hatte. Die Rettungskräfte konnten das Flugzeug nicht finden. Ein ELT funkt ein Notsignal bei Aufschlag, Wasser, Einschalten, und weist den Weg. Das wurde damals eingespart.

Die Aktion von Lukaschenko ist eine Frechheit und ein Vertrauensbruch zur Luftfahrt. Dreister Eingriff in die Flugsicherheit – Ja. Entführung und erzwungene Landung – Nein. Er hat rumgetrickst. Ich bin mir sicher, die haben in MInsk selbst nicht daran geglaubt, dass das funktioniert, aber man kann es ja mal probieren..

Der Autor Udo Sabiniewicz ist Pilot und Journalist

Update:
Wikipedia veröffentlichte soeben folgendes:

Der Flugkurs der FR4978 über Weißrussland am 23. Mai wurde schon vor der Kehrtwende ungewöhnlich. Basierend auf den Rohdaten von Flightradar24 wurde festgestellt, dass das Flugzeug nicht mit dem Sinkflug über Weißrussland begann, obwohl dies normalerweise in Vorbereitung auf die Landung in Vilnius geschieht. Eine Möglichkeit für diese ungewöhnliche Route besteht darin, dass die Piloten versuchten, so schnell wie möglich die ursprüngliche Route beizubehalten, um in den litauischen Luftraum einzudringen, aber nach der Einmischung des belarussischen Düsenjägers gezwungen waren, nach Minsk umzuleiten. https://en.wikipedia.org/wiki/Ryanair_Flight_4978

An die 100 Handy-süchtigen Passagiere haben es nicht geschafft uns ein Foto von dem Kampfjet bisher zu zeigen. Es gibt kein Statement von den Piloten. Üben die gerade Shakespeare – Die ganze Welt ist Bühne?

Als Minsk dem Piloten Code Red sagt, vergehen drei Minuten und er ruft Mayday aus. Was ist in den drei Minuten passiert?
Pilot erhält Mitteilung Code Red.
Co-Pilot 90Grad Drehung nach rechts: Drei Ordner POH.
Emergency Procedures.
Code Red.
1. 7700
2. Mayday…
Warum nicht 121.50?

Update 15. Juni 2021
Der Anti-Spiegel ist zwar mit etwas Vorsicht zu genießen, hat jedoch öfters recht Spannendes im Angebot. Da kommen plötzlich Aspekte von Streitigkeiten um Fördermittel ins Spiel. 3 Millionen Euro zur Förderung der Pressefreiheit etc. Das Video des Interviews mit Protassevich zeigt keinen Menschen, der gefoltert wurde. Auch bei Psychobehandlung, wie Deutsches Waterboarding (Knalltrauma), würde kein Mensch mehr so reden können.